Budapest

Weil auch die WM das Sommerloch nicht stopfen konnte, stand relativ schnell fest, dass es im Sommerurlaub wieder auf Tour gehen soll. Ich liebäugelte zwar irgendwie mit einer Tour nach Russland, allerdings waren mir die Ticketpreise einfach zu hoch. Deshalb suchte ich mir zwei Gefährten und plante mit diesen kurzerhand einen Städtetrip. Da kam die erste Runde der Champions League Qualifikation natürlich wie gerufen. Nach der Auslosung gab es dann natürlich einige Spiele die einem ins Auge fielen. Sowohl die Begegnungen in Irland als auch Ljubljana und Budapest versprachen durchaus interessant zu werden. Irland schied leider aus Kostengründen relativ früh aus. Ljubljana war letztlich auch nur unter Umständen zu erreichen, die es uns nicht wert waren. Deswegen buchten wir uns letztendlich für fünf Tage in Budapest ein. Ferencvaros sollte hier am Donnerstagabend Maccabi Tel Aviv aus Israel empfangen. Eine durchaus brisante Begegnung, wie sich später noch rausstellen sollte.  Budapest als Stadt verspricht natürlich auch einiges, weshalb wir dann auch die fünf Tage wählten. Außerdem machte Wizz Air uns mit dem Abflug aus Hannover auch ein vernünftiges Angebot.

 

Nach einem Wochenende in Kiel ging es also Montag erstmal zu zweit los in Richtung Hannover. Am Bahnhof holten wir dann noch den dritten Kollegen ab, der mit dem Flixbus aus Kiel kam. Am Flughafen durften wir dann erstmal das eine oder andere Bier vernaschen, da wir nicht nur relativ früh dran waren, sondern unser Flieger auch noch 60 Minuten Verspätung hatte. Am späten Nachmittag hob der Flieger dann trotzdem ab in Richtung Ungarn. Um kurz vor 21 Uhr standen wir dann auch schon am Airportshuttle, der uns für 900 Forint in die Stadt brachte. Ein kurzer Fußmarsch und schon standen wir vorm City Hostel Pest, welches für die Woche unsere Behausung sein sollte. Dieses zeigte sich im wunderbaren Ranz, wie in den Bewertungen beschrieben. Ich hatte mal wieder einfach das Günstigste gebucht und mir hinterher erst die Bewertungen angeschaut. Das Hostel wird anscheinend von Studenten am Laufen gehalten, zumindest sind unten an der Rezeption immer mindestens 2 junge Menschen zuständig. Das Zimmer war dreckig, die Betten immerhin einigermaßen sauber. Einen Reinigungsdienst gibt’s hier anscheinend nicht. Auch das Bad hielt sich zum Glück einigermaßen in Grenzen. Wir haben uns dann entschieden, uns für 50€ pro Person nicht so einen Aufstand zu machen. Wir wollten das Zimmer ja so oder so nur zum Schlafen nutzen. Und positiv zu erwähnen bleibt: Man konnte nicht nur die Fenster vollständig öffnen, was mir gerade in warmen Gegenden oft fehlt; es gab sogar einen funktionsfähigen Kühlschrank. Praktisch, so konnten wir nicht nur Frühstück lagern, sondern jeden Morgen ein kaltes Bier zu uns nehmen. Das machte die ganze Sache dann wieder halb so schlimm. Der erste Abend wurde dann auch beim einen oder anderen kalten Bier und einem Spaziergang am Donauufer verbracht.

Am nächsten Morgen stand erst Mal Sightseeing auf dem Programm. Auf dem Weg in Richtung Gellértberg schauten wir noch eben im Bauernmarkt „Nagy Vásárcsarnok“ vorbei. Dieser liegt direkt vor der Freiheitsbrücke. Hier gibt es neben allerhand frischer Lebensmittel auch Souvenirs und Textilien. Und praktischerweise unten drunter auch einen Lidl. Da es zwar noch relativ früh war, die Sonne aber schon ziemlich stark brannte, entschieden wir uns dafür, im Lidl ein kleines Frühstück und Wasser für den Weg zu kaufen. Nachdem wir dies an einem schattigen Plätzchen am Donauufer verspeisten, ging es dann über die Freiheitsbrücke „Szabadszág híd“ zum Gellértberg. Immerhin 235 Meter in die Höhe ragt der Berg, der im Stadtteil Buda steht und dessen Gipfel die ungarische Freiheitsstatue beheimatet. Diese wurde 1947 erbaut in Erinnerung an die Rote Armee, die zwischen den Jahren 1944 und 1945 Budapest von den Nazis zurückeroberte und war heute unser erstes Ziel. Bis zum Gipfel ergeben sich einem hier viele tolle Aussichten und wir hatten Glück, dass zumindest auf dem Weg nach oben wenig los war. Oben angekommen dann das übliche unspektakuläre Bild. Eine große Statue und viele Touristen, die sich in jeglicher möglichen Art verrenken, um ein ganz besonderes Bild davor zu machen. Nachdem ich das übliche Foto geschossen und wir uns einige Minuten im Schatten niedergelassen hatten, widmeten wir uns dem Ausblick über die Donau und der Stadtseite Pest. Umringt von deutschen und asiatischen Reisegruppen fiel das hier gar nicht mehr so leicht. Für einige Momente der Orientierung und ein paar Fotos hat es dann doch gereicht.

Einmal den Gellértberg überquert, liefen wir am Ufer der Donau entlang, um in Richtung des Parlaments zu kommen. Dieses steht zwar auf der östlichen Uferseite in Pest, von der anderen Seite lässt sich das schicke Gebäude allerdings besser bestaunen und ablichten. Auf dem Weg dorthin kommt man am Burgpalast „Budavári palota“, dem größten Gebäude Ungarns, vorbei. Dieser wird heute hauptsächlich als Museum benutzt. Durchaus ein interessantes Gebäude, leider war hier das erste und auf der Tour auch eigentlich einzige Mal massiver Touriandrang. Deshalb verzichteten wir auf den Besuch und liefen weiter entlang des Donauufers. Vielleicht nächstes Mal. Schließlich kamen wir an der Brücke „Margit híd“ an. Übersetzt heißt die Brücke also Margaretenbrücke, was insofern Sinn ergibt, da sie die Beiden Donauufer mit der Margareteninsel „Margit-sziget“ verbindet. Die Insel besteht zum größten Teil aus Parkanlagen und ist bis auf Taxis und Busse für Fahrzeuge verboten. Der perfekte Platz, um sich vor dem Rückweg ein wenig auszuruhen. Von hier aus ging es wieder auf die Stadtseite Pest und einmal um das 268 Meter lange „Országház“, dem angesprochenen Parlamentsgebäude, herum. Ein paar Fotos geknipst und dann ging es auch schon Richtung Hostel zurück, denn das WM Halbfinale von Frankreich gegen Belgien stand schon fast an. Vorher wollten wir noch etwas essen und die Füße nach diesem Fußmarsch hochlegen. Ich greife ja im Urlaub immer ungern auf öffentliche Verkehrsmittel zurück. Sollte das Ziel nicht anders zu erreichen sein oder man in Zeitdruck sein, ist das natürlich was anderes. Allerdings finde ich, dass man zu Fuß viel mehr von der Umgebung wahrnimmt. Aber natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass das in Städten wie Tokyo nicht möglich ist. Die Erfahrung habe ich ja auch selbst gemacht. Eine halbe Stunde Schlaf später machten wir uns auf die Suche nach einer geeigneten Lokalität, um etwas zu essen. Da unser Hostel in Mitten einer Kneipen- und Restaurantmeile lag, war die Auswahl nicht all zu schlecht. Leider war alles schon so voll oder reserviert, dass uns nur die Terrasse hinter einem Restaurant blieb. Unser Glück: Wir hatten nicht nur besten Blick auf den Fernseher, sondern bekamen auch noch eine top Gulaschsuppe serviert. Ein Glücksgriff. Bei einigen Gläsern Soproni Bier und (leider) einem Sieg der Franzosen klang dieser anstrengende Tag nun aus.

Der nächste Morgen begrüßte uns dann mit bedecktem Himmel, was uns natürlich nicht davon abhielt, den Tag frohen Mutes anzugehen. Bis alle aufgestanden und sich zurecht gemacht hatten, war das erste Frühstücksbier auch schon im Blut. Sobald wir das Hostel verlassen hatten, fielen auch schon die ersten Regentropfen, der Wetterfrosch im Internet versprach aber nur kurze Schauer. Heute ging es wieder an das Ufer der Donau, dieses Mal aber in die andere Richtung. Das Ziel war nämlich heute die Groupama Aréna. Die 2014 eröffnete Arena ist das Wohnzimmer von Ferencváros Budapest und am morgigen Donnerstag der Austragungsort der Europa-League-Qualifikations-Begegnung zwischen Ferencváros und Maccabi Tel-Aviv aus Israel. Auf dem Weg erwischte uns noch ein dicker Schauer, dem wir zum Glück weitestgehend unter einer Brücke ausweichen konnten. In Ungarn braucht man zum Ticketkauf eine Supporterscard. Diese kann man am Stadion erwerben und kostet 1000 Forint, was etwa 3 Euro sind. Nachdem man einen Zettel mit Namen und Adresse ausgefüllt hat, kommt noch ein Foto und ein Handabdruck dazu. Vorm modernen Fußball ist man mittlerweile nun mal nirgendwo geschützt. Das Ganze dauerte etwa 10 Minuten und schon standen wir am Kartenschalter. Für einen guten Platz auf der Gegentribüne zur Haupttribüne zahlten wir etwa 18 Euro. Das war durchaus in Ordnung. Zu Fuß ging es zurück in die Stadt. Hier kamen wir noch am „Szabadság tér“ dem Freiheitsplatz, vorbei. Hier steht auch das umstrittene Denkmal für die Opfer der NZ-Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Vor jenem Denkmal ist eine Protestreihe aus Stacheldraht, alten Koffern, Andenken an jüdische Opfer und Erklärungsschriften. Im Bilderalbum auf Flickr finden die Interessierten unter euch ein Bild von der deutschen Übersetzung. Wirklich interessant und eindrucksvoll, ein solches Monument mit diesem direkten Protest davor. Langsam wurde es dann auch wieder Zeit für eine Stärkung, denn am Abend sollte good ol' England ja auch schon wieder darum kämpfen, den guten alten Fußball endlich nach „Hause“ kommen zu lassen. Dabei war er das doch seit 2014 schon. Sollte ja auch bekanntermaßen nicht von allzu viel Erfolg gekrönt sein, dieses Vorhaben. Heute hatten wir auch mehr Glück mit der Lokalitätswahl. Nach dem Essen ergatterten wir noch Plätze vor einem Restaurant mit einigermaßen vernünftigem Blick auf den Fernseher. Nach dem ersten Cider gesellten sich dann auch drei junge Schotten zu uns, die ähnlich trinkfreudig wie wir waren und lautstark mit den Kroaten mitfieberten. Einige Biere flossen so noch die Kehle hinunter. Nach dem Spiel mussten wir dann noch unbedingt den Abend nutzen, um mit ein paar Bierbüchsen noch einmal auf den Gellértberg zu steigen. Von hier aus kann man zu später Stunde wunderbare Bilder von der nächtlichen Skyline Budapests machen. Außerdem hat man um diese Uhrzeit deutlich mehr Ruhe. Damit schlossen wir den Tag dann aber auch endgültig ab.

Donnerstagmorgen heißt nicht nur das übliche Frühstücksbier, sondern auch letzter Tag und endlich Fußball! Doch bevor am Abend das Highlight der Tour anstand, führte uns der Weg noch zum Heldenplatz „Hósök tere“. Der Heldenplatz ist UNESCO Weltkulturerbe und hier findet man neben der Kolonnade und dem Heldendenkmal auch das Millenniumsdenkmal. Das Millenniumsdenkmal wurde 1929 fertiggestellt und erinnert an die Helden der ungarischen Geschichte. Hinter dem Heldenplatz befindet sich das Stadtwäldchen „Városliget“, der neben der Burg „Vajdahunyad“ auch den zoologischen Garten und das berühmte „Széchenyi-Bad“ beheimatet. Letzteres war einer der Gründe warum uns der Weg hierher führte. Leider ist das Heilbad nun mal einfach ein Freibad, was wir nicht bedacht hatten und dachten, man könne dies auch einfach besichtigen. War wohl nix, muss aber auch nicht sein. Stattdessen zog es uns zum Zoo, der mit knackigen 6 Euro Eintritt frohlockte. Spontan entschieden wir uns, mal anzusehen was es hier in Budapest zu bieten gab. Und das war Einiges. Ich bin eigentlich kein Freund von Zoos, da ich finde, dass Tiere nicht in Käfige gehören. Ab und an besuche ich dann aber doch mal einen Zoo, in der Hoffnung eines Besseren belehrt zu werden. Dies war hier nur bedingt der Fall. Auch hier empfand ich einige der Gehege als deutlich zu klein. Nächstes Mal schaue ich mir die Tiere einfach in freier Wildbahn an. Der Zoo ist allerdings auch deutlich größer als wir erwarteten und deswegen mussten wir, um pünktlich zum Spiel zu kommen, unsere Besichtigung irgendwann abbrechen. Mit der Metro ging es dann zurück zum Hostel. Im Spar davor kauften wir uns noch ein Fußpils und etwas für den Magen und schon ging es in die Metro in Richtung Arena.

Bei Ankunft an der Metrostation kam uns direkt mal grüner Nebel entgegen. Oben an der Station wurde man auch sofort kritisch beäugt von einigen grimmig dreinblickenden Kleiderschränken. Da bekommt man bei einem solchen Spiel schon ein mulmiges Gefühl, hatte die Fanszene von „Fradi“ doch jüngst dazu aufgerufen, ungarische Nationalfahnen zum Spiel mitzubringen, um sich von den jüdischen Gästen abzugrenzen. Es war also alles andere als ein Freundschaftsspiel. Die ziemlich nationalistische Fanszene von Ferencváros hatte vor dem Spiel auch zu einem Fanmarsch aufgerufen, den wir leider nicht mehr sahen. Erstens bekamen wir leider nicht raus, wo dieser startete und zweitens waren wir, wie eben bemerkt, sowieso schon relativ spät dran. Eine knappe halbe Stunde vor Spielbeginn waren wir dann im Stadion. Vor dem Stadion wurden übrigens von Straßenhändlern überall Sonnenblumenkerne angeboten, was mich während des Spiels noch fast zur Weißglut treiben sollte. Die Dinger scheinen nämlich so beliebt zu sein, dass es während des gesamten Spiels überall um uns herum knackte, weil alle auf diesen Sonneblumenschalen herumkauten. Bei spannenden Spielen sicherlich schonend für die Fingernägel.

Beim Einlass ins Stadion darf man dann nicht nur Ticket und Supporterscard vorlegen, sondern auch noch seine Hand in einen Scanner halten, bevor man durch das Drehkreuz gelassen wird. Außerdem kann man auch hier mittlerweile nur noch mit Supporterscard an den Fressbuden bezahlen. Der moderne Fußball eben. Vor Einlaufen der Spieler durfte dann auch noch der Adler, das Maskottchen des Vereins, einfliegen. Zu Spielbeginn zeigte der Fanblock um die „Green Monsters“ ein Spruchband mit „Ferencváros Budapest“ Aufschrift, einem Wimpel und dahinter Schals und Doppelhalter. Nichts Besonderes, aber ein solides Bild. In den Gästeblock verirrten sich maximal 50-75 Gästefans. Davon war nur eine kleine Gruppe von etwa 10 Personen darum bemüht, etwas für Stimmung zu sorgen und ab und zu die israelische Flagge zu hissen. Auf Heimseite sah das anders aus. Von Anfang an eine brachiale Lautstärke, fast die gesamte Hintertortribüne stimmte zeitweise mit ein und teilweise sogar der Rest des Stadions. Spätestens nach dem verdienten Führungstreffer zog auch ein Großteil des Blockes blank, wozu die Temperaturen natürlich auch einluden. Leider musste die Heimelf, die übrigens von der Legende Thomas Doll trainiert wird, in der Nachspielzeit noch den bitteren Ausgleich schlucken, was die Stimmung natürlich etwas dämpfte. Den Sieg hätte sich „Fradi“ allemal verdient. Der Rückweg verlief dann wieder zu Fuß und ziemlich ereignislos. Um den letzten Abend gebührend ausklingen zu lassen, ließen wir uns noch vor einer Bar in der Straße vor unserem Hostel nieder. Preiswertes Wernesgrüner und milde Temperaturen führten schneller ins Bett als man sich versah.

Dann war auch schon Freitagmorgen. Nach dem Auschecken stand nur noch der Bus zum Airport an. Mit etwa 20 Minuten Verspätung hob unsere Wizz Air Maschine ab in Richtung Hannover. Um kurz nach 17 Uhr gelandet, direkt mal dank der S-Bahn auch den Zug nach Oldenburg verpasst. Am Hauptbahnhof trennte sich die Reisegruppe dann wieder zwischen Flixbus nach Kiel und Regionalexpress nach Oldenburg. Um kurz nach 21 Uhr war ich dann auch endlich wieder im geliebten eigenen (sauberen) Bett.