Italien

Kurz nach der Reise nach Schottland begannen auch schon die Überlegungen für den nächsten Trip. Anfang April stand der nächste Urlaub an. Und auch der sollte diesmal möglichst mit dem einen oder anderen Besuch beim Fußball abgerundet werden. Da sich niemand fand der Geld, Zeit oder Lust hatte sich mir an zu schließen, wurde auch schnell klar, dass ich zum ersten Mal alleine losziehen werde. Zufällig erzählte mir dann ein bekannter Kieler von seinen Plänen das Derby in Genua zu besuchen. Das kam für mich natürlich wie gerufen. Da kurz vorher auch das zuvor abgesagte Mailandderby in die selbe Woche gelegt wurde, buchte ich mich bei Ryanair für den Flug am Mittwoch von Bremen aus nach Bergamo ein. Von dort aus sollte is dann in den Folgetagen nach Mailand gehen bevor ich mich dann am Samstag mit besagtem Kieler Fußballfreund traf und dann am Sonntagmittag den selben Weg zurück nach Norddeutschland an zu treten. 

Angekommen in Bergamo ging es für 5€ mit dem Bus nach Mailand zum Hauptbahnhof. Von hier aus waren es nurnoch wenige Meter bis zum gebuchten B&B Argentina. Da mein gebuchtes Einzelzimmer aus unerfindlichen Gründen schon belegt war, ging es kurzerhand ins hoteleigene Apartment im ersten Stock. Auch okay. Nachdem ich mich etwas auffrischte, ging es erst mal auf Tour, um die Gegend zu erkunden und einen Supermarkt zu finden. Direkt hinterm Häuserblock auf der anderen Straßenseite war schon ein relativ großer Discounter zu finden, wo ich mich direkt mit etwas Bier, Wasser und Schokolade eindeckte. Mit dem ersten Moretti in der Hand ging es dann auch schon zur Metro Station in Richtung Stadtteil San Siro. Das Mailandderby stand schließlich an. Nach einem kurzen Umstieg füllte sich die Bahn auch schon fix mit rot- und blau-schwarzen Schals und Trikots. Auffallend viele verschiedene Sprachen wurden hier gesprochen, sind die beiden Mailänder Teams doch trotz der momentan sportlich eher mageren Kost immer noch sehr beliebt in der Welt. Vom Regen am Stadion in Empfang genommen, fiel direkt auf, dass die Carabinieri sich auffallend zurückhielten. Ab und zu standen mal zwei bis drei Wagen mit aufmerksam beobachtender Besatzung an den Seiten. Mag vielleicht auch daran gelegen haben, dass aus dem Stadion schon zu vernehmen war, dass das potenziell gefährliche Klientel sich schon die Stimmbänder auf den Rängen für das Spiel aufwärmte. Dank des tollen Wetters und meines leeren Portemonnaies hielt ich mich nicht lange auf der Fressmeile auf dem Vorplatz auf, sondern eilte direkt zum Einlass. Nach den Drehkreuzen fehlten dann auch nur noch etwa 20000 Schritte, bis ich den Oberrang des Guiseppe Meazza erreichte. Ganz schöner Akt hier hochzukommen, aber nichts im Vergleich zur Suche nach dem richtigen Platz. Dazu kamen noch die steilen Treppen zwischen den Blöcken, die die Suche nicht unbedingt vereinfachte. Auf dem Platz angekommen, war es dann noch etwa eine halbe Stunde bis zum Anpfiff. Beide „Kurven“ machten schon ordentlich Alarm und bereiteten ihre Choreographien vor. Bis auf einige Böller blieb der Einsatz von Pyrotechnik leider komplett aus. Schade eigentlich. Dennoch konnten sich beide Choreos durchaus sehen lassen. Zum Spiel braucht man eigentlich nicht viel sagen, die Kreativabteilungen beider Teams hatten sich wohl nicht allzu viel vorgenommen. Keine Leidenschaft, kein Kampf, keine Ideen. Angsthasenfußball nennt man das wohl. Am Ende hatte Milan trotzdem noch Glück dieses Spiel nicht zu verlieren, da Inter nicht nur ein Tor durch den Videobeweis aberkannt bekam sondern kurz vor Schluss auch noch gleich zwei Mal freistehend vor dem Tor vergeigte. So endete ein schwaches Spiel mit einem verdienten torlosem Unentschieden. Ebenfalls schade. Sollte aber nicht das einzige Unentschieden in dieser Woche bleiben. Gelohnt hat sich der Besuch dennoch. Durch das enge Ergebnis entwickelte sich kurzzeitig ein wahrhafter Hexenkessel durch die leidenschaftlich singenden Tifosi auf den Rängen. Das war teilweise ein ohrenbetäubender Lärm, da geht einem als Fußballfanatiker direkt das Herz auf. Nach dem Spiel wartete ich noch etwas auf meinem Platz, bis der große Ansturm auf die Ausgänge sich etwas gelegt hatte und machte mich dann langsam auf den Weg nach unten in Richtung der U-Bahn Station. Da die Drehkreuze vor der Station immer nur circa 400 Personen durchließen, tauschte ich noch bei einem älteren Herren, der Getränke aus einem Einkaufswagen verkaufte, ein paar Münzen gegen eine Flasche Moretti und schaute mir das rege Treiben vor der Station noch einige Minuten an, ehe ich mich selbst ins Getümmel warf. 

Gut erholt ging es dann am frühen Mittag raus aus dem Apartment und rein in die Sonne von Mailand. Hatte es in der Nacht noch ordentlich geregnet, wichen die grauen Wolken nun der strahlenden italienischen Frühlingssonne. Auf meine Jacke konnte ich deshalb getrost verzichten. Ich schlenderte ein wenig durch die Straßen und kam letztlich am Touristenmagneten, dem Mailänder Dom, an. Schnell das übliche Foto gemacht und dann fix wieder vor den asiatischen Reisegruppen geflohen. Nachdem ich den Rest des Tages mit Essen, Bier trinken und Gegend Erkunden verbrachte, ging es gegen Abend dann zum Basketball Europa-League Spiel von Olimpia Milano gegen Panathinaikos Athen. Basketball interessiert mich ja eigentlich Null, allerdings wird Panathinaikos ja auch im Basketball fast immer von vielen Fans begleitet. 30 Euro legte ich für einen relativ guten Platz mittig vom Parkett hin. Die Gäste wurden heute von etwa 30-40 mitgereisten Anhängern lautstark unterstützt. Die meisten davon kamen wohl aus Deutschland, was ein großer „Gate 13 Germany“ Schwenker und eine kleine „Sektion Wuppertal“ Zaunfahne bestätigten. Erhofft hatte ich mir Einiges mehr, aber immerhin. Auf Heimseite machten sich kurz vor Spielbeginn drei bis vier Leute im Block breit, beflaggten diesen und schwenkten einen großen Schwenker. Das wars dann aber auch, mehr kam nicht. Das Spiel war dann auch wirklich kein Genuss für einen so uninteressierten Zuschauer wie mich. Schön saufen konnte ich mir das Ganze dann auch nicht, dafür war mir das 0,5 Tuborg mit fünf Euro dann doch zu hoch angesetzt. Panathinakos konnte das Spiel letztlich in der Verlängerung für sich entscheiden, was dem Anhang natürlich gefiel. Positiv anzumerken bleibt noch, dass in Mailand keine Klatschpappen benutzt werden, um künstliche Stimmung zu erzeugen. Nach der halbstündigen Bahnfahrt zurück ins Apartment legte ich mir noch ein vorzügliches Stück Pizza zu und gönnte mir ein weiteres Moretti Bier. Anschließend ging es glücklich und zufrieden ins Bett.

Der Freitag brachte dann meine erste Bahnfahrt in Italien und damit verbunden auch den ersten Locationwechsel. Von Mailand aus ging es für fünf Euro mit der Bahn nach Bergamo. Auf Anraten meines Bruders legte ich hier kurzfristig noch einen Stopp ein. Im Nachhinein kann ich ihm nur dafür danken. Bergamo besticht im Gegensatz zu Mailand mit einer wunderbaren Altstadt, die auf den Ausläufern der Alpen liegt und damit einen wunderbaren Blick über den Rest der Stadt bietet. Wie schon Mailand am Tag zuvor zeigte auch Bergamo sich heute von seiner besten Seite. Die Sonne strahlte und ich konnte auch heute die Jacke im gebuchten B&B Hotel hängen lassen. So verbrachte ich den Tag mit Spazieren gehen, Peroni trinken, Pizza essen und Seilbahn fahren. Diese bringt einen nämlich direkt nach oben in die Altstadt. Zum Ende lief ich dann noch am kleinen Platz von Excelsior Bergamo vorbei zum Stadio Atleti Azzurri d'italia, der Heimat von Erstligist Atalanta Bergamo. Ein wenig Backzeug und etwas Bier versüßten mir dann die Sportschau im Fernsehen und schon war auch dieser Tag beendet.  

Tag vier stand an und mit dem Treffen meiner Kieler Begleitung auch ein sehr frühes Aufstehen. Denn erst musste ich von Bergamo aus wieder nach Mailand, um von dort aus, dann zu zweit, den Weg in die Hafenstadt Genua anzutreten. Die Zugfahrt gestaltete sich lang und ungemütlich, wurde aber durch teilweise wunderbarer Aussicht auf die Landschaften erträglich. In Genua angekommen mussten wir erst mal durch die warme Mittagssonne in Richtung Hafenpromenade und Altstadt, denn hier war auch unser gebuchtes Hostel. Zu unserer Freude fand am Hafen gerade ein kleiner Markt statt, der mit vielen verschiedenen Ständen ausgestattet war. Diese repräsentierten jeweils ein Land und dessen kulinarischen Spezialitäten, darunter natürlich auch jede Menge Bier. Perfekt für uns.  

Nach dem Check-In ging es dann natürlich direkt zum Markt, das erste Bier verhaften. Mit dem auserwählten „Bohemia Regent“ machten wir uns dann auf den Weg, um die Hafenpromenade zu erkunden. Während diesen kleinen Spaziergangs entdeckten wir auch den „Kiosk“ unseres Vertrauens. Dieser hatte nämlich neben Becks und Heineken auch Birra Moretti für einen schmalen Euro im Sortiment. Das wusste durchaus zu gefallen. Nach einigen weiteren Bieren und einer wirklich leckeren Pizza für gerade einmal fünf Euro, machten wir uns langsam auf den Weg in Richtung „Stadio Luigi Ferraris“. Das 1911 eröffnete Stadion beheimatet mit Sampdoria Genua und dem Genoa FC gleich zwei Vereine und damit auch die heutigen Derbygegner. Je näher wir kamen, desto mehr war auch zu spüren, dass heute das Stadtderby anstand. Als das Stadion dann durch die Häuserfassaden in der bergigen Umgebung durchblitzte, ergab das nicht nur ein wunderbar anzuschauendes Bild sondern steigerte die Vorfreude auf diesen geilen Ground und das Spiel umso mehr. In den Straßen vor dem Stadion war jede Menge los. Wir kamen auf der Seite der Fans vom Genoa FC an und mussten uns dann erst mal durch Menschentrauben und leere Bierflaschen kämpfen. Ähnlich wie beim Mailandderby war auch hier heute eher wenig Polizeipräsenz. An den Hauptpunkten, wo viele Fans aufeinander trafen, um zu ihren jeweiligen Seiten zu strömen, war die Präsenz zwar deutlich höher als in Mailand, allerdings im Vergleich zu Derbys in Deutschland wirklich ein Minimum. Sehr angenehm zu sehen, dass es auch anders geht. Bevor es ins Stadion ging, genehmigten wir uns noch ein Bier in einem kleinen Seitenlokal, welches noch voller Sampdorianer war. Dort wurden wir mit offenen Armen empfangen, direkt gefragt wo wir herkommen und direkt das sizilianische Bier des Hauses empfohlen. Den Namen habe ich leider nicht mehr im Kopf, geschmeckt hat es allerdings sehr gut. Anschließend umrundeten wir auch schon direkt den Häuserblock, um zu unserem Eingang zu kommen. Wir hatten eigentlich relativ gute Plätze bekommen. Dachten wir zumindest. Zwar saßen wir ziemlich mittig gegenüber der Haupttribüne auf der „Distini“, doch hatten wir nicht bedacht, dass es in Italien ja leider üblich ist, riesige Plexiglaswände um das Spielfeld zu ziehen. Hinzu kam, dass der Spielertunnel uns den Blick auf die Heimkurve komplett verwehrte. Zu unserem Glück bereiteten die Tifosi von Sampdoria gerade eine Choreo mit Plastikfähnchen vor. Einer der Organisatoren drückte uns dann jeweils ein Fähnchen in die Hand und schickte uns weiter nach oben. Unerwarteter Weise waren noch einige Sitze frei geblieben. Von hier aus hatten wir dann einen deutlich besseren Blick, sowohl auf das Geschehen auf dem Rasen als auch auf das Geschehen auf den Rängen. Die höheren Erwartungen hatte ich heute an die von der Gruppe „Fedelissimi“ geführte Seite der blau-schwarz-rot-weißen Sampdorianer. Von der Fanszene des Genoa FC hatte ich kaum ein Bild, das machte aber nichts, da so ein Derby natürlich auch immer unübliche Kräfte freisetzt. Zum Intro gab es dann auf Heimseite eine große Choreographie, bestehend aus den vielen Fahnen in Vereinsfarben und großen einzelnen Buchstaben, die zusammen „UC SAMPDORIA“ ergaben. Dazwischen brannten einige Bengalen; mit den Fahnen, die auf unserer Geraden verteilt wurden, ergab das Ganze ein wirklich schickes Bild. Auf Seiten der „Gäste“ gab es ebenfalls eine Choreographie aus vielen kleinen Plastikfähnchen in den Vereinsfarben. Auch dies ergab ein ordentliches Bild. Der Anfang war also wirklich vielversprechend. Beide Kurven legten dann auch wirklich stark los, wobei die Gästeseite etwas überhand hatte. Das lag wohl insbesondere daran, dass sich der Supportkern hier in den Unterrang verlagert und somit die komplette Hintertortribüne mit einbeziehen kann. Da finde ich den Standort der „Fedelissimi“ gegenüber im Oberrang eher suboptimal. Oft wirkte es, als würden sie es nicht schaffen, den kompletten Unterrang von oben mitziehen zu können. Die größten Unterschiede zwischen beiden Seiten machten sich insofern bemerkbar, dass auf der Heimseite viel Bewegung und viel Fahneneinsatz herrschte, wo auf der anderen Seite eher wert auf brachialen Support und Einsatz von Pyrotechnik gelegt wurde. Das komplette Spiel über brannte und rauchte es irgendwo im Block und insbesondere die Böller, welche das komplette Stadion zum Wackeln brachten, waren wirklich bemerkenswert. Das alles juckte auf dem Rasen übrigens niemanden. Auch den Schiedsrichter nicht. In Deutschland wäre man wieder kurz davor den Fußball abzuschaffen. Es geht also auch anders.

Zur zweiten Halbzeit begrüßten beide Kurven ihre Mannschaften dann nochmal mit einem Intro. Beim Genoa FC begnügte man sich mit einigen Konfettikanonen und Schwenkern. In der Kurve von Sampdoria Genua wurden schon in der Halbzeit die aus dem lateinamerikanischen Raum bekannten Stoffbänder in vereinsfarben vom Ober- in den Unterrang gespannt. Als die Mannschaft dann zurückkam, kamen auch die großen Schwenker und jede Menge Bengalos zum Einsatz. Das sah wirklich geil aus und erzeugte zusammen mit den lautstarken Gesängen eine echte Gänsehaut bei mir. Genau das hatte ich mir von diesem Derby erhofft. Supporttechnisch ging es in der zweiten Hälfte genau so weiter wie in Halbzeit eins. Etwas Rauch, einige Böller und durchgehender, brachialer Support.

 


Auf dem Rasen konnten die beiden Teams diesem Feuerwerk leider nicht nachkommen. Zwar entwickelte sich ein sehr umkämpftes, spannendes und offenes Spiel, allerdings schaffte es keine der beiden Mannschaften wirklich Druck auf das Tor des Gegners zu bringen und so endete auch dieses Derby mit einem torlosen Remis. Bemerkenswert, dass nach dem Spiel noch mindestens eine halbe Stunde nach dem Abpfiff auf den beiden Tribünen gesungen, gefeiert und mit Fahnen geschwenkt wurde. Das hätte ich mir noch ewig angucken können. Leider wurden wir irgendwann von den Securitys gebeten, doch so langsam das Stadion zu verlassen.

Mit einem frischen Fußpils machten wir uns dann auf den Weg zurück ins Hostel, da unser Zug am morgen ziemlich früh wieder in Richtung Mailand fahren würde. Von Bergamo aus ging es dann mit Ryanair auch wieder zurück nach Bremen, wo sich unsere Wege trennten. Die Nordwestbahn brachte mich dann auch über die Dörfer des Oldenburger Landes sicher in die schönste aller Städte auf diesem Planeten.

 

 

Kleines Fazit: Hieß es doch lange, die italienische Fan- und Ultraszene wäre vom Aussterben bedroht, hat mir dieser kurze Trip das Gegenteil bewiesen. Meine Erwartungen wurden komplett erfüllt. Nicht nur deswegen sondern auch wegen der wirklich schönen Altstadt von Bergamo und der wunderbaren Hafenstadt Genua freue ich mich jetzt schon auf den nächsten Besuch in bella italia!