Top 5 - Denkwürdige Auswärtsfahrten

Ein Gastbeitrag von Henrik, mein Bruder

Platz 5:

Beekestadion, Hannover

Sportfreunde Ricklingen – VfB Oldenburg 1:2, 15.04.2007

 

Sonntagmorgen, kurz vor neun am Hamburger Hauptbahnhof: Noch etwas verschlafen möchten wir ein Niedersachenticket ziehen, als wir von drei Typen angesprochen werden. Sie wollen nach Hannover und würden sich ein Ticket teilen. Ein Blick auf die blau-weißen Schals macht die Überraschung perfekt: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, hier jemanden zu treffen, der eine Niedersachsenligapartie bei den Sportfreunden Ricklingen sehen wollen? Keine Ahnung, aber diese Jungs wollen tatsächlich zum VfB Oldenburg. So geht es erstmal gemeinsam in die Landeshauptstadt, wo wir uns vorerst trennen. Während die einen ihre Verwandtschaft besuchen, decken wir uns im Lidl mit ausreichend warmen Plastikbieren ein. Die warme Frühlingssonne tut ihr übriges und in entspannter Stimmung trödeln wir nach Ricklingen. Vor dem kleinen Stadion entdecken wir wie dafür gemacht zwei Gartenstühle im Gehölz, mit denen wir uns prompt häuslich einrichteten. Den Blick der wenig später eintreffenden Fanbusbesatzung werde ich nicht vergessen.

Das Beekestadion entpuppt sich zudem als wirklich schicker und gemütlicher Ground, in dem wir uns bei völliger Bewegungsfreiheit mit Flaschenbier vergnügen dürfen. Auch die überdachten Stehränge auf der Geraden sind wie gemacht für unseren kleinen Gästemob, der sich anschließend mit einer Pyro-Einlage auf die Partie einstimmt. Um auch angetüdelt besser filmen zu können, mache ich es mir derweil auf dem Rasen bequem. Erst als ich irgendwann dem Linienrichter im Weg sitze, empfiehlt der mir freundlich den Weg in den Block zurück anzutreten.

Es ist das zweite Jahr unter Joe Zinnbauer und der VfB ist auf dem besten Weg zur Meisterschaft, von dem ihn der Hannoveraner Abstiegskandidat nicht wirklich abbringen kann. So wird es auch sportlich ein recht entspannter Ausflug. Erst der Anschlusstreffer in der Schlussphase lässt uns nochmal kurz zittern. Mit 2:1 gewinnt die Mannschaft am Ende und feiert mit den Mitgereisten ausgelassen die Tabellenführung. Bevor es für uns zurück in die Hansestadt geht, kehren wir mit den anderen Hamburgern noch ausgiebig in einen nahegelegenen Biergarten ein und lassen uns von der Sonne endgültig gar braten. So macht auch Amateurfußball Spaß. Es gibt Spiele, die eigentlich total belanglos sind, aber trotzdem in Erinnerung bleiben. Eins davon war dieses, deshalb Platz 5 in meiner Rangliste.


Platz 4:

Alte Försterei, Berlin

FC Union – FC St. Pauli 0:0, 18.03.2005

 

Ein Abendspiel mit St. Pauli beim FC Union in Berlin? Was nach Fußballromantik klang, wurde zu einem denkwürdigen Auswärtsalptraum. Am Freitagmittag ging es mit der versifften Studentenclique vom Millerntor auf in die Hauptstadt. Der Fanladenbus war bereits ähnlich gut gefüllt wie der Großteil seiner Besatzungsmitglieder, welche sich vor allem aus Kuttenträgern und den berüchtigten Nordkurvenultras zusammensetzte. Ich erwischte als Sitznachbarin die allseits beleibte (sic) Kathrin, welche sich zwar als sympathische aber unfassbar anstrengende Gesprächspartnerin erwies. Es blieb nur die Flucht in den Rausch, aus dem ich erst in Köpenick wieder erwachte. Ursache war das Zerbersten einer Seitenscheibe, die einer der Krawalljugendlichen beim ersten Anblick mutmaßlicher Naziglatzen in ihre Einzelteile zerlegt hatte.

Unbeeindruckt davon wurden wir erstmal abgeladen, irgendwo zwischen Bäumen auf einem Parkplatz. Drumherum überall nervtötende Berliner Punks und rotzenvolle Gästefans. Den Rest der Erinnerung dominieren surreale Bilder: Ein enges Spalier von behelmten Polizisten und wild bellenden Hunden, das in völliger Finsternis in die Alte Försterei führte. Das Stadion (vor dem Umbau) wirkte wie eine Schlucht: unglaublich steile Stehtraversen im Dämmerlicht der Flutlichtmasten, drumherum die rot-weiße Masse der Heimfans, welche in krasser Lautstärke mit Nina Hagen ihr eisernes Lied sang. Danach viel Gegröle, Mitfiebern, zwischendurch immer mal wieder Pyro und jede Menge Spruchbänder zu irgendeinem Vereinskonflikt, von dem ich nicht viel wusste. Noch weniger nur noch vom Spiel selbst, das offenbar torlos blieb.

Danach wieder durch finstere Büsche gekraxelt, auf Schleichwegen weitere Biere organisiert und von Polizisten bis zum Bus geschubst worden. Der Fahrer hatte inzwischen die fehlende Scheibe wohl mit Folie ersetzt, trotzdem ging es noch nicht los. Der mutmaßliche Täter war inzwischen abgetaucht und seine Kumpels setzten alles daran, ihn nicht zurückzulassen. So vergingen bis zur Abfahrt noch gefühlte zwei Stunden. Diese fand schließlich trotzdem ohne den Delinquenten statt, der – wie sich auf der Fahrt herausstellte – schon während des Spiels mit einer weiblichen Bekanntschaft abgestürzt war und den Abend lieber in ihren Gemächern verbrachte. Alles weitere erlösendes Koma bis in die Heimat. Hätte besser laufen können, aber immerhin: Irgendwann kann man den Enkeln davon erzählen. Platz 4.

Verwendung der Fotos mit freundlicher Genehmigung von:  www.groundhopping.de


Platz 3:

Ostseestadion, Rostock

FC Hansa – FC St. Pauli 3:0, 26.09.2008

 

Über die Feindschaft zwischen Hansa Rostock und St. Pauli muss ich wohl nicht allzuviele Worte verlieren. Seit den frühen 1990ern hatte es immer wieder ordentlich gekracht, wenn diese Teams aufeinandertrafen. Als es 2008 nach einem halben Jahrzehnt für die Hamburger wieder zum Rivalen an die Ostsee ging, war allen klar: Das wird nicht irgendeine Auswärtsfahrt. Auch Polizei und Presse überschlugen sich schon vorher mit schlimmsten Erwartungen. Lustigerweise setzte der Verband das Hochrisikospiel trotzdem auf einen späten Nachmittag an, so dass einem schönen Flutlichtabend nichts im Wege stand.

Per Sonderzug ging es zunächst entspannt nach Mecklenburg – jedenfalls bis es mangels Toilettenkapazitäten beinahe schon in der Bahn eskalierte. Kurzerhand rettete das Zugpersonal die Situation mit einem Nothalt in Bad Kleinen, wo zum Gedenken an Hogefeld und Grams unter polizeilicher Aufsicht der Bahnhof uriniert wurde. Am kleinen Rostocker Bahnhof Holbeinplatz angekommen, war endgültig Schluss mit Entspannung: Schon am Bahndamm zeigten sich die ersten Rostocker für einen Willkommensgruß, wurden allerdings schnell in die Flucht geschlagen. Auch danach offenbarte sich bald, dass es mit der angekündigt „weiträumigen Trennung der Fanlager“ nicht weit her war. Direkt am Stadion trennte lediglich ein Zaun beide Seiten, so dass es neben den Eingängen einen munteren Wurfwechsel mit den Einheimischen gab.

Innen ein ähnliches Bild: Rund um den Gästeblock keine Polizei zu sehen, lediglich ein paar Ordner „sicherten“ den Übergang zu den Heimbereichen. Eine Frage der Zeit, bis es zum ersten Besuch kommen sollte. Blieb es zu Anfang noch bei Gepöbel und verschiedenen Grußformeln, war es nach dem 2:0 soweit: Ein Haufen aus Hools und Halbstarken fand sich am Plexiglaszaun ein, den einige Hamburger zur Abwehr erklommen. Unter anderem ein Jungspund, der unentwegt die herannahenden Rostocker mit seinem Gürtel malträtierte. Skurrile Szenen. Als auch Minuten später keinerlei Sicherheitskräfte zu sehen waren, wurde einem doch etwas mulmig. Erinnerungen an Lichtenhagen wurden wach. War das jetzt die kalkulierte Eskalation? Die beinharten Hansahools wussten mit ihrer Freiheit allerdings wenig anzufangen und erstarrten vor dem Zaun quasi, bis irgendwann doch Behelmte auftauchten. Auf dem Platz ging’s einfach weiter, zu sehen gab es allerdings nur noch den dritten Treffer der Hausherren.

Geradezu gespenstisch die Szenerie nach Schlusspfiff: Gespannte Ruhe rund um das Stadion. Alle wussten, dass Hansa es nun drauf anlegen würde. Der Marsch zum S-Bahnhof fast wortlos, nervös mit einem Auge auf die Seitenstraßen gerichtet. Um uns nur Dunkelheit und ein paar Behelmte. Einzig die regelmäßigen Leuchtraketen am Himmel ließen erahnen, was gerade auf der anderen Stadionseite geschah. Während sich dort die Rostocker mit den Wasserwerfern der Polizei vergnügten, ging es für uns letztlich problemlos nach Hause. Kein großes Vergnügen, aber eine verrückte Erfahrung auf jeden Fall. Platz drei in der Rangliste.


Platz 2:

Emslandstadion, Meppen

SV Meppen – VfB Oldenburg 3:3, 08.05.2009

 

Ja, als Oldenburger erleben wir nur wenige davon. Aber für solche Tage lohnt sich auch jahrelange Dorftristesse. Die Vorzeichen für einen grandiosen Abend waren perfekt: Vorletzter Spieltag, der VfB konnte ausgerechnet in Meppen die Meisterschaft perfekt machen. Dazu ein Flutlichtspiel, zu dem fast 10.000 Zuschauer im Emslandstadion erwartet wurden. Mehr als zehn Busse machten sich auf den Weg ins unheilige Land, unsereins mit dem brüchtigten Commando Donnerschwee. Nach einer zunächst unbehelligten Fahrt machten sich kurz vor Meppen dann die Freunde und Helfer wichtig. Glücklicherweise gab es trotz ausgiebiger Personal- und Gepäckkontrollen keinen Anlass, uns allzu lange festzuhalten. Noch schlauer dann die Idee der Uniformierten, den Bus direkt an der Heimseite vorbei zu eskortieren, wo es prompt den ersten Kontakt mit Eingeborenen gab. Es blieb allerdings bei einigen Wurfgeschossen und Pöbeleien.

Im Stadion danach alles, was das Herz begehrt: volle Bude, ein motivierter Gästeblock, auf beiden Seiten Choreos, ein bisschen Pyro und noch dazu ein Spielverlauf mit allen denkbaren Höhen und Tiefen. Nur zwei Minuten dauerte es bis zur VfB-Führung. Danach spielten allerdings erstmal nur noch die Gastgeber und drehten die Partie zwischenzeitlich auf 3:1. Noch dazu verletzte sich ausgerechnet Top-Stürmer Marcel Salomo schwer und musste für den Rest der Saison zusehen. Der Tag schien gelaufen. Aber es kam anders: Mit dem Anschlusstreffer in der zweiten Halbzeit wurde es wieder spannend. Oldenburg drückte, der Anhang gab nochmal alles und kurz vor Schluss war es soweit: Der Ausgleich und natürlich kollektives Ausrasten in der Kurve. Das i-Tüpfelchen setzten allerdings die Freunde aus Kiel, die es kurz vor Schluss noch ins Stadion schafften, um den Meppenern ihre abhanden gekommenen Fahnen zu präsentieren. Klar, dass die es nach Abpfiff eilig hatten auf ein Bier vorbei zu kommen. Diesmal allerdings gelang die Fantrennung besser und so streunten schließlich diverse Erlebnisorientierte erfolglos im Unterholz, während sich die heimische Szene mit der Polizei vergnügte. Noch Tage später wurden Spiel und Drumherum diskutiert. Für mich Platz zwei.


Platz 1:

Stamford Bridge, London

Chelsea FC – Werder Bremen 2:0, 12.09.2006

 

Ihren Ausgang nahm die Geschichte am Abend des 7. März 2006. Tim Wiese ließ mit seinem gegen Juventus den Ball unter sich durchrutschen und meinen Traum von einem Spiel in Highbury zerplatzen. Werder schied aus, die Turiner fuhren nach London und Arsenal zog zum Saisonende ins neue Emirates-Stadion. Als wenige Monate später die Chance bestand, doch noch ein Spiel der Grün-Weißen in London zu sehen, war klar: Da muss ich hin! In der Gruppenphase wartete immerhin der FC Chelsea mit seiner legendären Stamford Bridge. Mit den Tickets klappte es perfekt, mit der Reiseplanung nicht so. Für die Fahrt fiel die Wahl daher auf einen umstrittenen Bus-Anbieter, der eine illustre Mischung aus quarzenden Althauern, peinlichen Trikotträgern und besoffenen Ostfriesen kutschierte.

Los ging’s schon am Vorabend am Weserstadion, von wo wir dank zahlreicher Biere vergnügt über die Niederlande, Belgien und Frankreich zur Fähre kamen. Am Ableger in Calais erwachte ich früh morgens aus dem „Sekundenschlaf“ – neben meinem im Gang sitzenden Begleiter, der mangels Seitenlehne kaum ein Auge zugemacht hatte.

Nach einem traumhaften Sonnenaufgang auf dem Schiff waren wir also schon früh in der britischen Hauptstadt, deren Sehenswürdigkeiten wir bis zum Nachmittag bei bestem Spätsommerwetter im Schnelldurchlauf abklapperten. Vom gemeinsamen Treffpunkt aus ging es dann im Mob durch London, bewacht durch einen einzigen „Bobby“. Der allerdings hatte die Sache und jeden Wildpinkler voll im Griff („You won’t fuckin’ piss in my fuckin’ city!“). Fast sämtliche Pfunde bereits in Getränke investiert, blieb von den letzten Ersparnissen nur noch Toastbrot mit Schinken gegen den Hunger. Ein zweifelhafter Genuss, dessen Aroma am Abend auch die Rucksack-Kontrolleure an der Stamford Bridge teilen durften. Das Spiel lässt sich kurz zusammenfassen: Das Stadion ein Traum. Die Atmosphäre der Heimfans ein Trauerspiel. Der Gästeblock in Partystimmung. Auf dem Platz ein klares 2:0 für die Hausherren.

Richtig übel wurde aber erst die Rückreise: Der Busfahrer verfranzte sich im Großstadtverkehr und wir verpassten die Fähre in Dover, wo wir bis in den frühen Morgen auf die nächste warteten. Natürlich vor den Türen eines verschlossenen Burger Kings. Einzige Nahrung blieb das Toastbrot mit Schinken, welches von den Strapazen des Tages ähnlich gezeichnet schien. Endlich zurück auf dem Festland hatte ich dann das Vergnügen mit der fehlenden Seitenlehne, die jeglichen Einschlafversuch zunichte machte. Völlig kaputt in Bremen angekommen, strandete auch noch unser Metronom in Buchholz – Stichwort Schienenersatzverkehr. Mit summa summarum 20 Stunden (!) wohl die längstmögliche Rückfahrt für ein Spiel, das mit dem Flugzeug in anderthalb Stunden zu machen gewesen wäre. Trotz oder vielleicht aufgrund von alldem die denkwürdigste Fahrt: Platz 1!

Danke an Henrik für den Beitrag!